1991
Theresia Philipp, 1991 in Großröhrsdorf/Sachsen geboren, sieht Musik als soziales Moment, in dem Gemeinschaft sowohl unter den Musiker*innen als auch im und mit dem Publikum gestiftet wird. Grundvoraussetzung ist für Philipp eine Offenheit gegenüber den eigenen Erfahrungen als auch gegenüber anderen und ihren Geschichten und ihrem Erleben. Es ist eine Einstellung, die sich schon früh für sie etabliert, wo Emanzipation und Gerechtigkeit, beides Qualitäten waren, die im noch deutlich durch die DDR geprägten Schulwesen ihrer Jugend präsent waren: »Als Musiker*innen wurden alle Geschlechter gleich behandelt.« So wurden ein offenes Ohr, abseits von (männlichem) Dominanzgehabe, schon damals zu der grundlegenden Struktur ihres künstlerischen Schaffens. Auch heute noch heißt Musik für sie: Raum geben!
1998
In Sachsen begann sie mit sieben Jahren am Keyboard, wechselte mit zehn zum Saxofon, engagierte sich im Spielmannszug ihrer Heimatstadt. Doch suchte sie lange vergeblich nach starken, nicht-männlichen Stimmen, vor allem an ihrem Hauptinstrument, dem Saxofon: »Erst in den letzten Jahren wurde mir klar, dass es schon immer Saxofonistinnen gab, die aber eben nicht (oder kaum) sichtbar waren.«
Diese Form der Marginalisierung und der Unsichtbarmachung stellt sich Theresia Philipp als Saxofonistin, Komponistin, Arrangeurin und Leiterin des BundesJazzOrchesters deutlich entgegen.
2007
In der achten Klasse zog es sie auf das höchst renommierte Sächsische Landesgymnasium für Musik Carl Maria von Weber in Dresden. Zwischen 2007 und 2011 gehörte sie zum LandesJugendJazzOrchester Sachsen, danach zwei Jahre zum BundesJazzOrchester (BuJazzO). Nach dem Schulabschluss wechselte sie den Standort und kam nach Köln an die Hochschule für Musik und Tanz. Theresia Philipp ist längst eine feste Größe in der Szene der Stadt, spielte schon in etlichen Formationen und mit allen möglichen Kolleg*innen zusammen: Pollon (mit Thomas Sauerborn und David Helm); das von Lukas Keller ins Leben gerufene Projekt Bört und mit Engagements in den Bands und auf den Veröffentlichungen von Hendrika Entzian, Janning Trumann oder Sebastian Gramss, um nur einige wenige herauszuheben. Als Komponistin war sie unter anderem Teil des Gemeinschaftswerks »Music From Kylwiria«, einer Györgi Ligeti-Hommage beim Moers Festival; derzeit arbeitet sie an einer Komposition für das EOS Kammerorchester.
Ihr Saxofonspiel und ihr Verständnis von Musik, wie auch ihrer eigenen Kompositionen, situieren sich nicht entlang von Genredefinitionen und deren Grenzen, sondern zeichnen sich viel mehr durch Elastizität aus; durch das Vermögen scheinbare Kontraste wie Energie und Intimität zu vereinen, Brüche zu konkretisieren und Klangatmosphären zwischen Klassischer und Aktueller Komposition miteinander zu verweben.
Als Musikerin (in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut) nahm sie Einladungen nach Namibia und in den Irak wahr und hat vor Ort mit heimischen Musiker*innen kooperiert und kulturellen Austausch erlebt.
2020
2020 erhielt sie das »Horst und Gretl Will«-Stipendium der Stadt, 2022 folgte der WDR-Jazzpreis und 2023 der Deutschen Jazzpreis für ihr Ko-Komposition mit und für den MDR Rundfunkchor. Seit 2023 ist sie außerdem Künstlerin des NICA artist development Programm des Stadtgarten in Köln, dem Europäischen Zentrum für Jazz und Aktuelle Musik.
2026
Ein besonderer Meilenstein in der Karriere Theresia Philipps stellt die Berufung zur ersten weiblichen und ersten ost-deutschen Leiterin des BundesJazzOrchesters dar. Hier entwickelt sie fortan jährlich (zusammen mit dem Co-Leiter Niels Klein) mit 19 ausgewählten Musikstudierenden an deutschen Hochschulen ein ambitioniertes Programm. Hier stehen ihre Ideen von Gemeinschaft, offener Kommunikation und ihr Verständnis von anti-hierarchischer Musikkreation im Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Prozesses des Orchesters und seiner Arbeitsphasen.